Wie Fake News funktionieren: Was die Mond-Ente von 1835 bis heute lehrt

25
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08
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2026
10
Min. Lesezeit
Kategorie |
Wissen
Autor:

CBS University of Applied Sciences

Wie Fake News funktionieren: Mann blickt durchs Teleskop auf einen Mond mit Fantasiewesen – Anspielung auf den Moon Hoax von 1835.

Wenn du an Fake News denkst, stellst du dir wahrscheinlich reißerische Schlagzeilen vor: viele Ausrufezeichen, wilde Behauptungen, offensichtlicher Unsinn. Genau diese Erwartung hat die Zeitung The Sun im August 1835 auf den Kopf gestellt. Sechs Tage lang berichtete das New Yorker Blatt in nüchternem, wissenschaftlichem Ton über angebliche Entdeckungen auf dem Mond: Wälder, Ozeane, zweibeinige Biber, blaue Ziegen und fliegende Fledermausmenschen. KeinWort davon stimmte. Trotzdem glaubten es fast alle, darunter auch gebildete Zeitgenossen an der Yale University.

Der sogenannte Great Moon Hoax funktionierte nicht, weil er gegen die Wissenschaft arbeitete, sondern weil er sich als Wissenschaft verkleidete. Genau dieses Muster, geliehene Glaubwürdigkeit durch Fachsprache, echte Namen und technische Details, taucht bei moderner Desinformation bis heute auf. In diesem Artikel erfährst du, wie der Mond-Hoax funktionierte, warum Bildung allein nicht vor Fake News schützt und wie du Falschmeldungen im Alltag erkennst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fake News: absichtlich verbreitete Falschmeldungen, die wie echte Nachrichten aussehen
  • Der Fall: 1835 behauptete die Zeitung The Sun, Astronom John Herschel habe Lebewesen auf dem Mond entdeckt
  • Die Methode: nüchterner Ton, echte Namen und technische Details, erst danach kamen die Fantasiewesen
  • Bildung ist kein verlässlicher Schutz: eine US-Metaanalyse mit über 11.000 Teilnehmenden fand keinen Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und der Fähigkeit, Fake News zu erkennen
  • Der stärkste Faktor ist Vertrautheit: wer eine Behauptung schon einmal gehört hat, hält sie eher für wahr
  • Framing: Fake News leihen sich oft die Form seriöser Quellen, um Vertrauen zu erschleichen
  • Verunsicherung in Deutschland: rund die Hälfte der Onliner ist 2026 unsicher, ob sie Fakten von Falschmeldungen unterscheiden kann
  • Studiengang-Fokus: Im Wirtschaftspsychologie-Studium an der CBS lernst du, wie Menschen Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen

The Great Moon Hoax 1835: Ein frühes Lehrstück moderner Fake-News-Mechanismen

Am 25. August 1835veröffentlichte die New Yorker Zeitung The Sun den ersten von sechs Artikeln über angebliche astronomische Entdeckungen auf dem Mond. Als Urheber nannte sie den britischen Astronomen Sir John Herschel, der zu dieser Zeit tatsächlich am Kap der Guten Hoffnung ein echtes Teleskop betrieb, allerdings ohne von der Geschichte zu wissen.

Verfasst hatte die Artikelserie der Sun-Reporter Richard Adams Locke. Als Quelle gab er eine angebliche Sonderausgabe des Edinburgh Journal of Science an, einer Fachzeitschrift, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren nicht mehr existierte. Genau das deckte die Konkurrenzzeitung New York Herald schon am 31. August1835 auf, sechs Tage nach dem ersten Artikel. Es half kaum: Die meisten Leser:innen ignorierten die Richtigstellung. The Sun selbst räumte die Geschichte erst am 16. September 1835 ein, drei Wochen nach Veröffentlichung, und ohne eine formale Entschuldigung.

Locke beschrieb ein neuartiges Riesenteleskop mit einer Linse von 24 Fuß Durchmesser und sieben Tonnen Gewicht, dazu genaue Angaben zu Standort und Beobachtungsbedingungen. Erst auf diesem Fundament kamen die eigentlichen Sensationen. Angeblich entdeckte das Teleskop auf dem Mond:

•    Wälder, Ozeane und Strände

•    Bisons und einhörnige Ziegen

•    Zweibeinige, schwanzlose Biber: Sie gingen aufrecht, lebten in Hütten und nutzten Feuer

•    Fledermausartige Wesen: als "Vespertilio-homo" bezeichnet, angeblich Erbauer von Tempeln aus blauem Saphir

Vor den Redaktionsräumen der Sun bildeten sich in diesen Tagen Menschenmengen. Ein Zeitzeuge beschrieb später eine regelrechte Leichtgläubigkeit der Wartenden: Manche behaupteten sogar, selbst gesehen zu haben, wie Herschels Teleskop auf ein Schiff verladen wurde, obwohl es diese Szene nie gab.

Die Serie las sich wie ein Fachartikel, nicht wie eine Sensationsmeldung. Genau das war der Trick.

Was sind Fake News eigentlich?

Fake News sind bewusst falsche oder irreführende Inhalte, die wie echte Nachrichten aufgemacht sind. Anders als ein Irrtum werden sie absichtlich verbreitet, oft um Meinungen zu beeinflussen, Aufmerksamkeit zu erzeugen oder Geld zu verdienen. Entscheidend ist die Verpackung: Fake News nutzen die Form seriöser Berichterstattung, umglaubwürdig zu wirken.

Der Begriff selbst ist jung, das Phänomen nicht. Der Mond-Hoax von 1835 zeigt, dass Falschmeldungen schon lange vor dem Internet funktionierten, und zwar nach demselben Prinzip wie heute: Sie geben sich als das aus, was sie nicht sind.

Warum hat der Mond-Hoax funktioniert?

Der Mond-Hoax funktionierte, weil er sich die Autorität der Wissenschaft geliehen hat. Ein nüchterner Ton, ein echter Astronom als Namensgeber, eine Fachzeitschrift als angebliche Quelle und präzise technische Details wie Linsengröße und Vergrößerung erzeugten den Eindruck von Seriosität. Erst danach folgten die eigentlichen Übertreibungen.

In der Kommunikationswissenschaft heißt dieses Prinzip Framing: Ein Thema wird bewusst in einen bestimmten Deutungsrahmen eingebettet, der beeinflusst, wie Empfänger:innen es einordnen. Der Politikwissenschaftler Robert Entman beschreibt Framing so, dass ausgewählte Aspekte einer Sache hervorgehoben werden, um eine bestimmte Interpretation nahezulegen. Beim Mond-Hoax war der Rahmen seriöser Wissenschaftsjournalismus, und in diesem Rahmen wirkten selbst absurde Behauptungen plausibel.

Aus wirtschaftspsychologischer Sicht kommt neben dem Framing noch mehr zusammen. Weil wir im Alltag nicht jede Information wissenschaftlich prüfen können, verlassen wir uns auf mentale Abkürzungen. Die Autoritäts- und Quellenheuristik lässt uns Aussagen eher vertrauen, wenn sie von einer scheinbar kompetenten Quelle stammen, etwa einem echten Astronomen oder einer Fachzeitschrift. Hinzu kommt der sogenannte Illusory-Truth-Effekt (auch Vertrautheitseffekt genannt, erstmals 1977 von Hasher, Goldstein und Toppino beschrieben): Je öfter wir eine Behauptung hören, desto plausibler erscheint sie uns, unabhängig davon, ob sie stimmt. Beim Mond-Hoax griffen beide Mechanismen ineinander, eine glaubwürdig wirkende Quelle plus eine in sich stimmige, wiederholte Erzählung.

„Menschen prüfen Informationen im Alltag nicht wie Wissenschaftler. Wir arbeiten mit mentalen Abkürzungen: Klingt etwas plausibel, wissenschaftlich und vertraut, schenken wir ihm leichter Glauben. Genau diese Mechanismen machen gut gemachte Desinformation so wirksam“, erklärt Prof. Dr. Bernd Wallraff, Professor für Wirtschaftspsychologie an der CBS.

Der Schriftsteller Edgar Allan Poe, ein Zeitzeuge, brachte es auf den Punkt: Kaum jemand zweifelte, und wer zweifelte, konnte selten erklären, warum.

Warum Bildung kein verlässlicher Schutz vor Fake News ist

Ein hohes Bildungsniveau ist offenbar kein verlässlicher Schutz vor Fake News, das legt zumindest eine viel beachtete Metaanalyse nahe. Sie wertete 31 Studien mit über 11.000 Teilnehmenden aus den USA aus und fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und der Fähigkeit, wahre von falschen Nachrichten zu unterscheiden. Der stärkste Einflussfaktor war stattdessen Vertrautheit: Wer eine Behauptung schon einmal gehört hatte, hielt sie eher für wahr, unabhängig vom Wahrheitsgehalt. Weil die Datenbasis ausschließlich aus den USA stammt, lässt sich das Ergebnis nicht ohne Weiteres eins zu eins auf Deutschland übertragen, das grundlegende Muster deckt sich aber mit dem, was Wirtschaftspsycholog:innen auch aus anderen Kontexten kennen.

Die Studie selbst erschien bereits im November 2024 im Fachjournal PNAS. Im Februar 2025 stellte das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung die Ergebnisse in einer eigenen Pressemitteilung einem breiteren Publikum vor. Die Forschenden werteten insgesamt 31 Experimente aus den Jahren 2006 bis 2023 aus. Interessant auch: Ältere Menschen zwischen 48 und 88 Jahren schnitten beim Erkennen falscher Schlagzeilen besser ab als jüngere, teilen Falschmeldungen im echten Leben aber trotzdem häufiger. Ein weiteres Detail ist auf den ersten Blick paradox: Menschen mit stärkeren analytischen Fähigkeiten waren zwar insgesamt skeptischer gegenüber offensichtlichem Unsinn, gleichzeitig aber anfälliger fürInformationen, die zur eigenen politischen Überzeugung passten. Analytisches Denken schützt also nicht automatisch vor motivierter Voreingenommenheit.

Diese Erkenntnis deckt sich mit dem, was 1835 in Yale passierte. Ausgerechnet an einer der angesehensten Universitäten der USA berichtete ein anonymer Zeitzeuge, dass niemand auch nur den Hauch eines Zweifels an der Geschichte hegte. Bildung macht also skeptischer gegenüber offensichtlichem Unsinn, aber nicht automatisch gegen über gut verpackten Falschmeldungen.

Fake News, Desinformation, Falschmeldungen: Was ist der Unterschied?

Die Begriffe werden oft synonym verwendet, meinen aber nicht genau dasselbe. Die wichtigste Unterscheidung ist die Absicht dahinter.

Begriff Kernidee Beispiel
Fake News Inhalte, die absichtlich wie echte Nachrichten aufgemacht sind Der Mond-Hoax von 1835
Desinformation Bewusst gestreute Falschinformation, meist mit strategischem Ziel Gezielte Falschbehauptungen im Wahlkampf
Fehlinformation Falsche Information, die ohne Täuschungsabsicht weitergegeben wird Ein geteilter Fake-News-Beitrag, dessen Urheber:in selbst getäuscht wurde
Verschwörungstheorien Behauptungen über angeblich verborgene, oft mächtige Akteure hinter Ereignissen Die Annahme, die Mondlandung sei inszeniert

Verschwörungstheorien und FakeNews überschneiden sich häufig, sind aber nicht identisch. Eine Fake-News-Meldung kann einmalig und themenbezogen sein, eine Verschwörungstheorie ist meist ein umfassenderes Weltbild, das neue Fakten in ein bestehendes Muster einordnet.

Wie groß die Verunsicherung dadurch in Deutschland ist, zeigt eine Forsa-Studie im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW von März 2025: 87 Prozent der Befragten befürchten, dassDesinformation die Gesellschaft spaltet.

Wie erkennst du Fake News heute?

Fake News erkennst du am zuverlässigsten, indem du die Quelle prüfst, nicht nur den Inhalt. Frage dich, wer die Information veröffentlicht hat, ob sich die Angaben unabhängig bestätigen lassen und ob Fachbegriffe tatsächlich Substanz haben oder nur Seriosität vortäuschen sollen.

Fünf Fragen helfen dir dabei, den Great-Moon-Hoax-Trick zu durchschauen, auch in der modernen Version:

  1. Wer ist die Quelle? Prüfe, ob die genannte Person, Institution oder Studie tatsächlich existiert und wirklich das gesagt hat, was behauptet wird.
  2. Gibt es eine Zweitquelle? Seriöse Nachrichten lassen sich meist bei mehreren unabhängigen Anbietern finden.
  3. Wie alt ist der Inhalt? Alte Meldungen oder Bilder werden oft aus dem Kontext gerissen und als aktuell ausgegeben.
  4. Wirkt die Fachsprache echt? Technische Details wie Vergrößerungsangaben oder Studiennamen ersetzen keine echte Quellenprüfung, auch wenn sie seriös klingen.
  5. Löst der Inhalt starke Gefühle aus? Empörung, Angst oder Begeisterung senken die kritische Distanz, und genau darauf zielen viele Falschmeldungen ab.

Diese Checkliste ist ein guter Einstieg. Wie du Quellen im Detail prüfst, etwa mit einer Bildrückwärtssuche, zeigt dir ein eigener Beitrag zum Thema Faktencheck, der in Kürze im CBS Blog erscheint.

Vom Fernrohr zum Algorithmus: Warum das Muster bis heute funktioniert

Was sich seit 1835 geändert hat, ist nicht das Prinzip, sondern die Geschwindigkeit. Damals brauchte es eine Druckerpresse und mehrere Tage, bis eine Falschmeldung die Stadt erreichte. Heute reicht ein Algorithmus.

Besonders junge Menschen sind stark auf soziale Netzwerke als Nachrichtenquelle angewiesen. Laut dem Digital News Report 2026 des Reuters Institute für Deutschland nutzen 60 Prozent der 18- bis 24-Jährigen soziale Medien wöchentlich für Nachrichten, 44 Prozent davon sogar als Hauptquelle. Gleichzeitig gibt fast die Hälfte der erwachsenen Internetnutzer:innen in Deutschland an, unsicher zu sein, ob sie Fakten von Falschmeldungen unterscheiden kann. Das verstärkt den Vertrautheitseffekt aus der Max-Planck-Studie: Je öfter ein Algorithmus dieselbe Behauptung ausspielt, desto vertrauter und damit glaubwürdiger wirkt sie, unabhängig davon, ob sie stimmt.

Der psychologische Mechanismus dahinter ist derselbe wie 1835, neu ist vor allem das Ausmaß. Künstliche Intelligenz verändert nicht, warum wir glaubwürdig wirkende Inhalte glauben, sondern wie schnell und in welcher Menge sie entstehen. Was früher eine Redaktion oder eine Druckerpresse brauchte, lässt sich heute in Sekunden erzeugen, beliebig variieren und gezieltan einzelne Zielgruppen ausspielen.

„KI hat die Psychologie hinter Fake News nicht verändert – sie hat ihre Skalierbarkeit verändert. Was früher aufwendig produziert und verbreitet werden musste, lässt sich heute in Sekunden erzeugen, personalisieren und millionenfach ausspielen“, so Prof. Dr. Bernd Wallraff.

Genau hier setzt Wirtschaftspsychologie an. Das Fach untersucht, wie Menschen Informationen verarbeiten, welche kognitiven Abkürzungen wir im Alltag nehmen und warum bestimmte Reize, wie Framing oder scheinbare Autorität, unsere Entscheidungen beeinflussen. Im Wirtschaftspsychologie-Studium an der CBS ist das Modul Medien- und Konsumentenpsychologie fester Bestandteil des Curriculums und beschäftigt sich unter anderem mit automatischer Informationsverarbeitung und Medienwirkung.

{{call-to-action}}

Wer sich beruflich mit den psychologischen Mechanismen hinter Kommunikation, Manipulation und Entscheidungsverhalten beschäftigen möchte, findet im Master Wirtschaftspsychologie der CBS eine Vertiefung, auch berufsbegleitend.

Fazit

„Die gefährlichste Fake News ist nicht die, die absurd klingt, sondern die, die sich vertraut und plausibel anfühlt“, bringt es Prof. Dr. Bernd Wallraff auf den Punkt.

Der Great Moon Hoax von 1835 zeigt ein Muster, das bis heute funktioniert: Falschmeldungen sind oft nicht grell, sondern gut verpackt. Ein nüchterner Ton, eine scheinbare Autorität und ein paar technische Details reichen aus, um Vertrauen zu erschleichen, ganz gleich ob mit Fernrohr oder Algorithmus.

Bildung allein ist kein verlässlicher Schutz davor. Was hilft, ist die Gewohnheit, Quellen aktiv zu prüfen, statt Fachsprache automatisch für bare Münze zu nehmen. Genau solche Denkweisen stehen im Zentrum eines Studiums, das sich mit menschlichem Entscheidungsverhalten beschäftigt.

Hast du Fragen zu deinem Studienstart oder möchtest wissen, welcher Studiengang zu dir passt? Unsere Studienberatung hilft dir gerne weiter. Und falls dich das Thema Fake News weiter interessiert: Im CBS Blog folgen in Kürze weitere Beiträge, unter anderem zu Faktencheck und Deepfakes.

Wenn du an Fake News denkst, stellst du dir wahrscheinlich reißerische Schlagzeilen vor: viele Ausrufezeichen, wilde Behauptungen, offensichtlicher Unsinn. Genau diese Erwartung hat die Zeitung The Sun im August 1835 auf den Kopf gestellt. Sechs Tage lang berichtete das New Yorker Blatt in nüchternem, wissenschaftlichem Ton über angebliche Entdeckungen auf dem Mond: Wälder, Ozeane, zweibeinige Biber, blaue Ziegen und fliegende Fledermausmenschen. KeinWort davon stimmte. Trotzdem glaubten es fast alle, darunter auch gebildete Zeitgenossen an der Yale University.

Der sogenannte Great Moon Hoax funktionierte nicht, weil er gegen die Wissenschaft arbeitete, sondern weil er sich als Wissenschaft verkleidete. Genau dieses Muster, geliehene Glaubwürdigkeit durch Fachsprache, echte Namen und technische Details, taucht bei moderner Desinformation bis heute auf. In diesem Artikel erfährst du, wie der Mond-Hoax funktionierte, warum Bildung allein nicht vor Fake News schützt und wie du Falschmeldungen im Alltag erkennst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fake News: absichtlich verbreitete Falschmeldungen, die wie echte Nachrichten aussehen
  • Der Fall: 1835 behauptete die Zeitung The Sun, Astronom John Herschel habe Lebewesen auf dem Mond entdeckt
  • Die Methode: nüchterner Ton, echte Namen und technische Details, erst danach kamen die Fantasiewesen
  • Bildung ist kein verlässlicher Schutz: eine US-Metaanalyse mit über 11.000 Teilnehmenden fand keinen Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und der Fähigkeit, Fake News zu erkennen
  • Der stärkste Faktor ist Vertrautheit: wer eine Behauptung schon einmal gehört hat, hält sie eher für wahr
  • Framing: Fake News leihen sich oft die Form seriöser Quellen, um Vertrauen zu erschleichen
  • Verunsicherung in Deutschland: rund die Hälfte der Onliner ist 2026 unsicher, ob sie Fakten von Falschmeldungen unterscheiden kann
  • Studiengang-Fokus: Im Wirtschaftspsychologie-Studium an der CBS lernst du, wie Menschen Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen

The Great Moon Hoax 1835: Ein frühes Lehrstück moderner Fake-News-Mechanismen

Am 25. August 1835veröffentlichte die New Yorker Zeitung The Sun den ersten von sechs Artikeln über angebliche astronomische Entdeckungen auf dem Mond. Als Urheber nannte sie den britischen Astronomen Sir John Herschel, der zu dieser Zeit tatsächlich am Kap der Guten Hoffnung ein echtes Teleskop betrieb, allerdings ohne von der Geschichte zu wissen.

Verfasst hatte die Artikelserie der Sun-Reporter Richard Adams Locke. Als Quelle gab er eine angebliche Sonderausgabe des Edinburgh Journal of Science an, einer Fachzeitschrift, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren nicht mehr existierte. Genau das deckte die Konkurrenzzeitung New York Herald schon am 31. August1835 auf, sechs Tage nach dem ersten Artikel. Es half kaum: Die meisten Leser:innen ignorierten die Richtigstellung. The Sun selbst räumte die Geschichte erst am 16. September 1835 ein, drei Wochen nach Veröffentlichung, und ohne eine formale Entschuldigung.

Locke beschrieb ein neuartiges Riesenteleskop mit einer Linse von 24 Fuß Durchmesser und sieben Tonnen Gewicht, dazu genaue Angaben zu Standort und Beobachtungsbedingungen. Erst auf diesem Fundament kamen die eigentlichen Sensationen. Angeblich entdeckte das Teleskop auf dem Mond:

•    Wälder, Ozeane und Strände

•    Bisons und einhörnige Ziegen

•    Zweibeinige, schwanzlose Biber: Sie gingen aufrecht, lebten in Hütten und nutzten Feuer

•    Fledermausartige Wesen: als "Vespertilio-homo" bezeichnet, angeblich Erbauer von Tempeln aus blauem Saphir

Vor den Redaktionsräumen der Sun bildeten sich in diesen Tagen Menschenmengen. Ein Zeitzeuge beschrieb später eine regelrechte Leichtgläubigkeit der Wartenden: Manche behaupteten sogar, selbst gesehen zu haben, wie Herschels Teleskop auf ein Schiff verladen wurde, obwohl es diese Szene nie gab.

Die Serie las sich wie ein Fachartikel, nicht wie eine Sensationsmeldung. Genau das war der Trick.

Was sind Fake News eigentlich?

Fake News sind bewusst falsche oder irreführende Inhalte, die wie echte Nachrichten aufgemacht sind. Anders als ein Irrtum werden sie absichtlich verbreitet, oft um Meinungen zu beeinflussen, Aufmerksamkeit zu erzeugen oder Geld zu verdienen. Entscheidend ist die Verpackung: Fake News nutzen die Form seriöser Berichterstattung, umglaubwürdig zu wirken.

Der Begriff selbst ist jung, das Phänomen nicht. Der Mond-Hoax von 1835 zeigt, dass Falschmeldungen schon lange vor dem Internet funktionierten, und zwar nach demselben Prinzip wie heute: Sie geben sich als das aus, was sie nicht sind.

Warum hat der Mond-Hoax funktioniert?

Der Mond-Hoax funktionierte, weil er sich die Autorität der Wissenschaft geliehen hat. Ein nüchterner Ton, ein echter Astronom als Namensgeber, eine Fachzeitschrift als angebliche Quelle und präzise technische Details wie Linsengröße und Vergrößerung erzeugten den Eindruck von Seriosität. Erst danach folgten die eigentlichen Übertreibungen.

In der Kommunikationswissenschaft heißt dieses Prinzip Framing: Ein Thema wird bewusst in einen bestimmten Deutungsrahmen eingebettet, der beeinflusst, wie Empfänger:innen es einordnen. Der Politikwissenschaftler Robert Entman beschreibt Framing so, dass ausgewählte Aspekte einer Sache hervorgehoben werden, um eine bestimmte Interpretation nahezulegen. Beim Mond-Hoax war der Rahmen seriöser Wissenschaftsjournalismus, und in diesem Rahmen wirkten selbst absurde Behauptungen plausibel.

Aus wirtschaftspsychologischer Sicht kommt neben dem Framing noch mehr zusammen. Weil wir im Alltag nicht jede Information wissenschaftlich prüfen können, verlassen wir uns auf mentale Abkürzungen. Die Autoritäts- und Quellenheuristik lässt uns Aussagen eher vertrauen, wenn sie von einer scheinbar kompetenten Quelle stammen, etwa einem echten Astronomen oder einer Fachzeitschrift. Hinzu kommt der sogenannte Illusory-Truth-Effekt (auch Vertrautheitseffekt genannt, erstmals 1977 von Hasher, Goldstein und Toppino beschrieben): Je öfter wir eine Behauptung hören, desto plausibler erscheint sie uns, unabhängig davon, ob sie stimmt. Beim Mond-Hoax griffen beide Mechanismen ineinander, eine glaubwürdig wirkende Quelle plus eine in sich stimmige, wiederholte Erzählung.

„Menschen prüfen Informationen im Alltag nicht wie Wissenschaftler. Wir arbeiten mit mentalen Abkürzungen: Klingt etwas plausibel, wissenschaftlich und vertraut, schenken wir ihm leichter Glauben. Genau diese Mechanismen machen gut gemachte Desinformation so wirksam“, erklärt Prof. Dr. Bernd Wallraff, Professor für Wirtschaftspsychologie an der CBS.

Der Schriftsteller Edgar Allan Poe, ein Zeitzeuge, brachte es auf den Punkt: Kaum jemand zweifelte, und wer zweifelte, konnte selten erklären, warum.

Warum Bildung kein verlässlicher Schutz vor Fake News ist

Ein hohes Bildungsniveau ist offenbar kein verlässlicher Schutz vor Fake News, das legt zumindest eine viel beachtete Metaanalyse nahe. Sie wertete 31 Studien mit über 11.000 Teilnehmenden aus den USA aus und fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und der Fähigkeit, wahre von falschen Nachrichten zu unterscheiden. Der stärkste Einflussfaktor war stattdessen Vertrautheit: Wer eine Behauptung schon einmal gehört hatte, hielt sie eher für wahr, unabhängig vom Wahrheitsgehalt. Weil die Datenbasis ausschließlich aus den USA stammt, lässt sich das Ergebnis nicht ohne Weiteres eins zu eins auf Deutschland übertragen, das grundlegende Muster deckt sich aber mit dem, was Wirtschaftspsycholog:innen auch aus anderen Kontexten kennen.

Die Studie selbst erschien bereits im November 2024 im Fachjournal PNAS. Im Februar 2025 stellte das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung die Ergebnisse in einer eigenen Pressemitteilung einem breiteren Publikum vor. Die Forschenden werteten insgesamt 31 Experimente aus den Jahren 2006 bis 2023 aus. Interessant auch: Ältere Menschen zwischen 48 und 88 Jahren schnitten beim Erkennen falscher Schlagzeilen besser ab als jüngere, teilen Falschmeldungen im echten Leben aber trotzdem häufiger. Ein weiteres Detail ist auf den ersten Blick paradox: Menschen mit stärkeren analytischen Fähigkeiten waren zwar insgesamt skeptischer gegenüber offensichtlichem Unsinn, gleichzeitig aber anfälliger fürInformationen, die zur eigenen politischen Überzeugung passten. Analytisches Denken schützt also nicht automatisch vor motivierter Voreingenommenheit.

Diese Erkenntnis deckt sich mit dem, was 1835 in Yale passierte. Ausgerechnet an einer der angesehensten Universitäten der USA berichtete ein anonymer Zeitzeuge, dass niemand auch nur den Hauch eines Zweifels an der Geschichte hegte. Bildung macht also skeptischer gegenüber offensichtlichem Unsinn, aber nicht automatisch gegen über gut verpackten Falschmeldungen.

Fake News, Desinformation, Falschmeldungen: Was ist der Unterschied?

Die Begriffe werden oft synonym verwendet, meinen aber nicht genau dasselbe. Die wichtigste Unterscheidung ist die Absicht dahinter.

Begriff Kernidee Beispiel
Fake News Inhalte, die absichtlich wie echte Nachrichten aufgemacht sind Der Mond-Hoax von 1835
Desinformation Bewusst gestreute Falschinformation, meist mit strategischem Ziel Gezielte Falschbehauptungen im Wahlkampf
Fehlinformation Falsche Information, die ohne Täuschungsabsicht weitergegeben wird Ein geteilter Fake-News-Beitrag, dessen Urheber:in selbst getäuscht wurde
Verschwörungstheorien Behauptungen über angeblich verborgene, oft mächtige Akteure hinter Ereignissen Die Annahme, die Mondlandung sei inszeniert

Verschwörungstheorien und FakeNews überschneiden sich häufig, sind aber nicht identisch. Eine Fake-News-Meldung kann einmalig und themenbezogen sein, eine Verschwörungstheorie ist meist ein umfassenderes Weltbild, das neue Fakten in ein bestehendes Muster einordnet.

Wie groß die Verunsicherung dadurch in Deutschland ist, zeigt eine Forsa-Studie im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW von März 2025: 87 Prozent der Befragten befürchten, dassDesinformation die Gesellschaft spaltet.

Wie erkennst du Fake News heute?

Fake News erkennst du am zuverlässigsten, indem du die Quelle prüfst, nicht nur den Inhalt. Frage dich, wer die Information veröffentlicht hat, ob sich die Angaben unabhängig bestätigen lassen und ob Fachbegriffe tatsächlich Substanz haben oder nur Seriosität vortäuschen sollen.

Fünf Fragen helfen dir dabei, den Great-Moon-Hoax-Trick zu durchschauen, auch in der modernen Version:

  1. Wer ist die Quelle? Prüfe, ob die genannte Person, Institution oder Studie tatsächlich existiert und wirklich das gesagt hat, was behauptet wird.
  2. Gibt es eine Zweitquelle? Seriöse Nachrichten lassen sich meist bei mehreren unabhängigen Anbietern finden.
  3. Wie alt ist der Inhalt? Alte Meldungen oder Bilder werden oft aus dem Kontext gerissen und als aktuell ausgegeben.
  4. Wirkt die Fachsprache echt? Technische Details wie Vergrößerungsangaben oder Studiennamen ersetzen keine echte Quellenprüfung, auch wenn sie seriös klingen.
  5. Löst der Inhalt starke Gefühle aus? Empörung, Angst oder Begeisterung senken die kritische Distanz, und genau darauf zielen viele Falschmeldungen ab.

Diese Checkliste ist ein guter Einstieg. Wie du Quellen im Detail prüfst, etwa mit einer Bildrückwärtssuche, zeigt dir ein eigener Beitrag zum Thema Faktencheck, der in Kürze im CBS Blog erscheint.

Vom Fernrohr zum Algorithmus: Warum das Muster bis heute funktioniert

Was sich seit 1835 geändert hat, ist nicht das Prinzip, sondern die Geschwindigkeit. Damals brauchte es eine Druckerpresse und mehrere Tage, bis eine Falschmeldung die Stadt erreichte. Heute reicht ein Algorithmus.

Besonders junge Menschen sind stark auf soziale Netzwerke als Nachrichtenquelle angewiesen. Laut dem Digital News Report 2026 des Reuters Institute für Deutschland nutzen 60 Prozent der 18- bis 24-Jährigen soziale Medien wöchentlich für Nachrichten, 44 Prozent davon sogar als Hauptquelle. Gleichzeitig gibt fast die Hälfte der erwachsenen Internetnutzer:innen in Deutschland an, unsicher zu sein, ob sie Fakten von Falschmeldungen unterscheiden kann. Das verstärkt den Vertrautheitseffekt aus der Max-Planck-Studie: Je öfter ein Algorithmus dieselbe Behauptung ausspielt, desto vertrauter und damit glaubwürdiger wirkt sie, unabhängig davon, ob sie stimmt.

Der psychologische Mechanismus dahinter ist derselbe wie 1835, neu ist vor allem das Ausmaß. Künstliche Intelligenz verändert nicht, warum wir glaubwürdig wirkende Inhalte glauben, sondern wie schnell und in welcher Menge sie entstehen. Was früher eine Redaktion oder eine Druckerpresse brauchte, lässt sich heute in Sekunden erzeugen, beliebig variieren und gezieltan einzelne Zielgruppen ausspielen.

„KI hat die Psychologie hinter Fake News nicht verändert – sie hat ihre Skalierbarkeit verändert. Was früher aufwendig produziert und verbreitet werden musste, lässt sich heute in Sekunden erzeugen, personalisieren und millionenfach ausspielen“, so Prof. Dr. Bernd Wallraff.

Genau hier setzt Wirtschaftspsychologie an. Das Fach untersucht, wie Menschen Informationen verarbeiten, welche kognitiven Abkürzungen wir im Alltag nehmen und warum bestimmte Reize, wie Framing oder scheinbare Autorität, unsere Entscheidungen beeinflussen. Im Wirtschaftspsychologie-Studium an der CBS ist das Modul Medien- und Konsumentenpsychologie fester Bestandteil des Curriculums und beschäftigt sich unter anderem mit automatischer Informationsverarbeitung und Medienwirkung.

{{call-to-action}}

Wer sich beruflich mit den psychologischen Mechanismen hinter Kommunikation, Manipulation und Entscheidungsverhalten beschäftigen möchte, findet im Master Wirtschaftspsychologie der CBS eine Vertiefung, auch berufsbegleitend.

Fazit

„Die gefährlichste Fake News ist nicht die, die absurd klingt, sondern die, die sich vertraut und plausibel anfühlt“, bringt es Prof. Dr. Bernd Wallraff auf den Punkt.

Der Great Moon Hoax von 1835 zeigt ein Muster, das bis heute funktioniert: Falschmeldungen sind oft nicht grell, sondern gut verpackt. Ein nüchterner Ton, eine scheinbare Autorität und ein paar technische Details reichen aus, um Vertrauen zu erschleichen, ganz gleich ob mit Fernrohr oder Algorithmus.

Bildung allein ist kein verlässlicher Schutz davor. Was hilft, ist die Gewohnheit, Quellen aktiv zu prüfen, statt Fachsprache automatisch für bare Münze zu nehmen. Genau solche Denkweisen stehen im Zentrum eines Studiums, das sich mit menschlichem Entscheidungsverhalten beschäftigt.

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FAQS: Häufig gestellte fragen

Was ist der Unterschied zwischen Fake News und Desinformation?

Warum schützt Bildung nicht automatisch vor Fake News?

Was ist der Great Moon Hoax von 1835?

Wie erkenne ich Fake News im Alltag?

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