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CBS International Business School, 19 Juni 2021

Corona, Klima und Lieferketten: Kommt jetzt der Aufbruch? Interview mit Prof. Dr. Lisa Fröhlich

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Leere Straßen und ein Himmel ohne Flugzeuge im Corona-Lockdown sind auf den ersten Blick gut für den Klimaschutz, aber auch ein dramatisches Symbol für fragile Lieferketten und einen Konjunktureinbruch. Wie können wir diesen Weckruf nutzen, um neu über Nachhaltigkeit nachzudenken? Wir haben mit Prof. Dr. Lisa Fröhlich, Professorin für strategisches Beschaffungsmanagement und Präsidentin der CBS International Business School, über Corona, Klimawandel, Nachhaltigkeit und Lieferketten gesprochen. Sie hielt zu diesem Themenkomplex am 9. Juni 2021 einen Impulsvortrag bei einer Podiumsdiskussion der Kölner Wissenschaftsrunde (KWR), deren Sprecherin sie auch ist. Eine Aufzeichnung des Livestreams ist unten auf der Seite verfügbar.

CBS: Wie stark hat Corona die Lieferketten beeinflusst?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: 40 Prozent der Lieferketten hielten in der Corona-Pandemie nicht Stand, und wenn sie Stand hielten, gab es teils lange Verzögerungen. Mehr oder weniger jedem Unternehmen wurde also deutlich bewusst, dass ihre Lieferketten nicht robust sind, wie stark sie von Rohstoffmärkten und Logistik abhängig sind und wie heftig sie von Produktionsstillständen bei Lieferanten und im eigenen Unternehmen betroffen sein können. Das war schon eine Art Weckruf.

CBS: Welche Folgen hatte dieser unfreiwillige Stresstest?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: In einer Studie gaben 83 Prozent der Unternehmen an, dass sie jetzt die Risiken in der Lieferkette genauer im Blick haben. Die Unternehmen denken verstärkt über Resilienz und Nachhaltigkeit nach. Das ist gut, denn seit geraumer Zeit haben wir den empirischen Nachweis, dass eine nachhaltige Lieferkette auch robuster ist und dass eine robustere Lieferkette nachhaltiger ist. Neu ist jedoch, dass durch fortschreitende Digitalisierung und Echtzeitdaten ein zusätzlicher Gewinn an Effizienz und Sicherheit möglich ist.

CBS: Aber war Corona nicht auch gut für den Klimaschutz?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: Der einfachste Weg zu mehr Nachhaltigkeit, und damit Klimaschutz, ist der Lockdown – könnte man denken. Wir erinnern uns noch an die schönen Fotos aus Venedig, wo sich die Delfine in die Stadt getraut haben, oder an den blauen Himmel über Chinas Industrieregionen. Nur ist ein Lockdown keine Lösung. Corona kann den Klimawandel nicht stoppen. Im Höhepunkt des Lockdowns im April und Mai 2020 ging der CO2-Ausstoß zwar um 26 Prozent zurück. Doch auch das wird nicht reichen, laut der UNEP-Studie der Vereinten Nationen ist zur Abschwächung des Klimawandels eine globale Treibhaus-Reduktion um 55 Prozent im Vergleich zum Stand von 1990 notwendig. Selbst das globale Lockdown-„Experiment“ hat letztendlich nicht dazu beigetragen, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Zwar hat Deutschland 2020 die selbstgesetzten Klimaziele „dank“ der Lockdowns erreicht, unter anderem durch geringeren Energieverbrauch und weniger Verkehrsaufkommen, aber eben begleitet von einem Konjunktureinbruch. Das kann keine dauerhafte Lösung sein.

CBS: Wie können Unternehmen denn die Nachhaltigkeitsziele erreichen?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: Unsere alten Antworten funktionieren nicht mehr. In der klassischen Prozessoptimierung gibt man ein Ziel vor, plant den Weg dahin und kontrolliert, ob die Kennzahlen erreicht werden. Am Ende gibt es ein Ergebnis, aber das führt leider nicht unbedingt zu einer nachhaltigen Lieferkette. Wir haben immer versucht, Bestehendes besser zu machen, effizienter zu machen – also weniger schlecht. Denken sie einfach mal an Verpackungen. Reicht es, wenn man eine Plastikflasche noch dünner macht? Oder wenn man für eine Plastiktüte ein anderes Material verwendet?

Man kann nicht mehr weitermachen wie bisher. Wir brauchen also etwas anderes: Nachhaltige Transformation, bei der eine andere Denkweise zu Innovationen führt. Dabei sollte man mit viel tieferen Fragen anfangen, man muss eine Produktions- und Lieferkette von Grund auf hinterfragen, manchmal sogar das Geschäftsmodell.

CBS: Ist das die Chance für einen Neuaufbruch?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: Politisch und gesellschaftlich ist viel in Bewegung. NGOs verklagen erfolgreich den Staat, weil dieser in seiner Klima-Gesetzgebung nicht präzise genug war. Ein anderes Beispiel ist das Lieferkettengesetz, mit dem deutsche Unternehmen zur Einhaltung von fairen und umweltgerechten Produktionsbedingungen verpflichtet werden, was auch großen Einfluss auf das Wirtschaften hat, und dann gibt es noch übergreifende Regulierungen wie den „Europäischen Grünen Deal“ der EU. Als Unternehmen kommt man also nicht an einem Neuaufbruch vorbei, denn der wird bereits durch eine Vielzahl von extrinsischen Einflüssen angestoßen. Da ist es besser, man nimmt den Neuaufbruch intrinsisch in die Hand und ist Regulierungen und dem Markt einen Schritt voraus.

CBS: Kann der Staat beim Neuaufbruch unterstützen?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: Wir müssen ja jetzt wieder die Konjunktur ankurbeln. Im Raum stehen Ideen wie Investitionspakete, damit sich bestimmte Branchen wieder erholen, beziehungsweise damit sich neue Branche bilden können. Manche Geschäftszweige oder Dienstleistungen wird es nicht mehr geben, weil sie durch postpandemische Verhaltensänderungen und Digitalisierung nicht mehr gebraucht werden, andere Geschäftsmodelle hingegen werden entstehen und erfolgreich sein. Der Neuanfang, die damit verbundenen Investitionen, sollten verbindlich an die Einhaltung relevanter Umwelt- und Sozialstandards geknüpft werden.

CBS: Setzt bei den Unternehmen ein Umdenken ein?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: In den heißen Phasen der Corona-Lockdowns ging es bei vielen Unternehmen um die wirtschaftliche Existenz, da spielten Nachhaltigkeit und Klimawandel verständlicherweise nicht die Hauptrolle. Doch jetzt sind wir in der Phase des Reflektierens: Drei von fünf Unternehmen sehen, dass ein nicht ethisch und nachhaltig geführtes Unternehmen ein erhebliches Geschäftsrisiko darstellt, vier von fünf Unternehmen sehen im Thema Nachhaltigkeit die Chance, Produkt- und Serviceinnovationen voranzutreiben und 85 Prozent planen ganz konkret Investitionen in mehr Nachhaltigkeit.

CBS: Aber eine nachhaltige Transformation ist kein Selbstläufer, oder?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: Richtig, Transformation muss man strategisch angehen, dazu gibt es erprobte Modelle. Im ersten Schritt sollte die Exponiertheit gegenüber Nachhaltigkeitsproblemen ermittelt werden, also ein systematisches Prüfen aller Schritte von der Rohstoffbeschaffung über die Produktion und die Nutzung der Produkte bis zur Entsorgung. Im zweiten Schritt können echte Problemlösungen erdacht werden, die auch radikal sein dürfen und noch nicht wirtschaftlich sein müssen. Erst im dritten Schritt werden diese Lösungen so weit optimiert, dass sie marktfähig und für das Unternehmen wertschöpfend sind. Das Ergebnis ist dann ein gleichzeitiges Erreichen der Nachhaltigkeitsziele und der Geschäftsziele.

CBS: Welcher Unternehmensbereich ist zentral?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: Wenn man sich die Sourcing- und Logistik-Probleme in der Corona-Pandemie ansieht und Nachhaltigkeitsthemen wie das Lieferkettengesetz darüberlegt, kommen wir zu dem Bereich, mit dem ich mich in der Forschung und der Lehre hauptsächlich befasse, nämlich der Beschaffung. Ganz gleich ob Rohstoffe, Vorprodukte oder Dienstleistungen intern oder extern beschafft werden, die Pandemie hat gezeigt, dass eine Lieferkette zuallererst einmal funktionieren muss. Auch das ist eine Aufgabe des Einkaufs, allerdings eine, die immer noch sehr stiefmütterlich behandelt wird. Oft ist dem Einkauf das Hauptziel Kostensenkung zugeteilt. Die Unterstützung bei der Erreichung von Nachhaltigkeitszielen ist dann, wenn überhaupt, nachrangig. Dabei kann ein strategisch ausgerichteter Einkauf einen wichtigen Beitrag leisten: Wenn das Unternehmen eine robuste und nachhaltige Lieferkette haben möchte, hat der Einkauf die Schlüsselfunktion. Er kann bei der Auswahl von Lieferanten und Produkten darauf achten, dass beim Lieferanten Menschenrechte eingehalten werden – was ganz pragmatisch das Auftreten von wilden Streiks und damit Lieferunterbrechungen unwahrscheinlicher macht – oder über Local Manufacturing und vertikale Integration in Teilen der Lieferkette nachdenken, wodurch Transportaufwand und damit CO2 eingespart werden kann. Um beim Top-Thema Digitalisierung ist ebenfalls der Einkauf gefragt, denn die meisten Unternehmen müssen hier Dienstleistungen und Produkte am Markt beschaffen. Wenn das Geschäftsmodell umgekrempelt wird, ist das Procurement erst recht zentral. Und um auf das Beispiel mit den Plastik-Wasserflaschen zurückzukommen: Hier ist nicht die dünnere Plastikflasche die Lösung, hier wechseln Hersteller und Konsumenten zu Wassersprudlersystemen, Wasserfiltern und Getränkesirup, was aus Nachhaltigkeits- und Klimaschutzgründen interessant ist, aber auch ein attraktives Geschäftsmodell ist. In der Folge gerät dann der Plastikflaschenrohlingproduzent unter Druck, wodurch dieser sich nach innovativen, nachhaltigeren Lösungen umsehen muss.

CBS: Hat eine nachhaltige Transformation auch Risiken?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: Ja, es kann zu Rebound-Effekten kommen. Wenn wir tatsächlich viel weniger Ressourcen benötigen, um etwas herzustellen, dann sinkt der Preis, wodurch ein Marktanreiz entsteht, der den Konsum so stark steigen lässt, dass am Ende durch die gestiegene Nachfrage mehr Ressourcen als vorher verbraucht werden – und der CO2-Ausstoß steigt. Das Beispiel wären hier die dünneren Einweg-Plastikflaschen, die in der Produktion und im Transport billiger werden, wodurch der Preis gegenüber Mehrweg-Glasflaschen oder Wassersprudlersystemen so stark sinkt, dass die Plastikflasche Marktanteile gewinnt. Dann ist aus Nachhaltigkeitssicht nichts gewonnen. Das heißt, wir müssen ganzheitlich denken, damit wir durch das Lösen eines Problems nicht fünf neue Probleme erzeugen, die dann noch schwerer zu beheben sind. Es kann aber auch sein, dass sich durch das Lösen eines großen Problems gleich drei weitere Probleme von selbst erledigen.

CBS: Wie wird sich das Unternehmertum verändern?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: Unternehmen müssen sich fragen, wie sie künftig Wertschöpfung definieren wollen. Reicht es noch, hie und da ein paar Zehntelprozent besser zu werden, oder muss in wertschaffenden Problemlösungen gedacht werden? Ich denke, dass sich unternehmerisches Verhalten ändern wird. Hier sind auch die Hochschulen gefragt, besonders wir Business Schools. Wir sind aufgefordert, in diese Richtungen zu forschen und den Management-Nachwuchs von Morgen auszubilden.

CBS: Wie stellt sich die CBS auf die nachhaltige Transformation ein?

Prof. Dr. Lisa Fröhlich: Zuerst einmal gilt: Practice what you preach. Nachhaltigkeit und Klimaneutralität sind Themen, bei dem es auch um Vorbildfunktion und Glaubwürdigkeit geht. Deshalb ist die CBS unter anderem eine klimaneutrale Hochschule. Seit 2013 integrieren wir Nachhaltigkeit in die Lehre, 2016 haben wir unser Center for Advanced Sustainable Management gegründet. In den Studienprogrammen spielt Nachhaltigkeit in den Bachelor-Programmen immer eine kleine oder große Rolle. Im beliebten Bachelor International Business sind „Business Ethics and CSR“ bereits ein Thema im ersten Semester, und im zweiten Semester geht es unter anderem um „Sustainable Procurement“. Wer sich später im Master spezialisieren will, kann mit dem deutschsprachigen M.A.-BWL-Programm „Nachhaltigkeitsmanagement“ nachhaltiges Management studieren, oder einen englischsprachigen Strategic Management and Consulting Master belegen, in dem großen Wert auf Inhalte wie CSR, Corporate Governance und Sustainable Supply Chain Management gelegt wird.

 CBS: Vielen Dank für das Interview!

 

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